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"Indianerkostüm - Debatte"

Es ging nie um ein Verbot


Im Zusammenhang mit der Diskussion über Indianerkostüme wurde ich im März 2019 als Vorstandsmitglied der Native American Association of Germany e.V. um Interviews gebeten. Kaum waren die Zeitungsartikel online, brach auch schon der Sturm los und mir verschlug es erst einmal die Sprache. Wow. Ich glaube, dass sie mich gesteinigt hätten, würden wir noch im Mittelalter leben.

Das Internet vergisst nichts und es ist gnadenlos, bzw. die Menschen, die es missbrauchen, sind gnadenlos. Da wird draufgeschlagen, was das Zeug hält, ohne Rücksicht auf Verluste und nach dem Motto "Der alten weißen Frau da haben wir es mal so richtig gezeigt." Einige bemühten dann die gängigen Suchmaschinen, um "Beweise" für meine Inkompetenz zu finden und unterstellten dann den Medien, sie hätten nicht vernünftig recherchiert, denn sonst hätten sie niemals diese Frau da interviewt, die sich einbildet, sie könne für die Indianer sprechen. Was ich übrigens noch nie von mir behauptet habe.

Bei dem "Beweismaterial" handelte es sich zum Teil um die Überbleibsel einer Cyber-Mobbing Attacke, die von einer Person bereits 2016 gegen mich gestartet wurde.
Ich hatte im Rahmen einer Kampagne der Native American Association of Germany e.V., bei der es um den Missbrauch indianischer Zeremonien ging, vor einem  selbsternannten Medizinmann gewarnt, der nicht davor zurückschreckt, die Menschen zu belügen, indem er sich u.a. als Arzt ausgibt und das ist nur die Spitze des Eisbergs.
Die zitierten Texte, die zeigen sollten, was für eine dubiose Person ich doch sei, sind frei erfunden. Ich behaupte nicht von mir, eine Lakota-Medizinfrau zu sein und ich biete auch keine Schwitzhütten mit Tantra-Massagen an. Und ich bin auch nicht die nackte Frau am Strand, die in einem YouTube Video zu sehen ist, das ebenfalls unter meinem Namen hochgeladen worden ist. Ganz offensichtlich gibt es Menschen, die alles glauben, was da so im Internet steht, obwohl doch immer wieder auf Cyber-Mobbing und die Verbreitung von Fake News hingewiesen wird. Ein Telefonat mit mir hätte genügt, um all dies aufzuklären. Ich habe jedoch den Eindruck, dass es vielen dieser "knallharten Kritiker" überhaupt nicht um Aufklärung geht. Ich glaube eher, dass sich etliche auf einem Selbstbestätigungstrip befinden. Menschen, die ein wahrhaftiges Interesse an einem Meinungsaustausch haben, reagieren anders.

Es gibt eine Impressumspflicht für Internetseiten und so war es auch keine große Kunst, meine KuuNa-Seiten zu finden. Und dann ging es so richtig los. Wie kann ich es nur wagen, mich als Burgfräulein zu verkleiden? Dies sei ein geschlechtsspezifisches Klischee. Und als "Hexe Carmina"? Das geht ja überhaupt nicht. Mir wird vorgeworfen, ich würde ja selbst Stereotypen bedienen, weil ich ein Kinder-Tipi-Dorf anbiete, in dem die Kinder einfach nur spielen können, wenn sie dies wollen. Die Krönung war dann noch das "Beweisfoto", das angeblich Carmen Kwasny im Indianerkostüm zeigt.

Dieser Shitstorm war eine sehr wichtige Erfahrung, die mir die Augen geöffnet hat. Bis jetzt hatte ich mich noch nicht öffentlich dazu geäußert. Das möchte ich nun ändern, zumal ich bei weitem nicht die einzige bin, die beschimpft, beleidigt und diffamiert wurde. Andere Menschen, die ebenfalls ihre Meinung frei geäußert haben, trauen sich inzwischen nicht mehr, dies auch weiterhin zu tun. Sie haben ihre Beiträge aus den "sozialen" Netzwerken gelöscht. Die Meinungsfreiheit geht in unserem Land immer mehr den Bach herunter. Mehrere Journalisten haben mir erzählt, dass diese Beschimpfungen und Beleidigungen inzwischen alltäglich geworden sind, inklusive der Androhung von Gewalt. Die Anonymität im Internet macht es möglich, andere zu erniedrigen und einzuschüchtern, um die eigene Meinung mit verbaler Gewalt durchzusetzen und die anderen zum Schweigen zu bringen.

Da die Diskussion auch in diesem Jahr kurz vor Karneval zum Teil wieder aufgeflammt ist, habe ich beschlossen, etwas mehr Licht ins Dunkle zu bringen, in der Hoffnung, dass einige Missverständnisse dadurch aufgeklärt werden, denn es ging niemals um ein Verbot von Indianerkostümen und es ging auch niemals darum, den Kindern das Spielen zu verbieten. Es geht darum, auf eine spielerische Art und Weise Wissen zu vermitteln und es ist wichtig, dass wir uns alle, ganz gleich woher wir kommen, auf der Basis von gegenseitigem Respekt begegnen.

 

Welche Meinung habe ich zum Thema "Indianerkostüme" öffentlich vertreten?


Wie bereits geschrieben, bin ich in meiner Eigenschaft als 1. Vorsitzende der Native American Association of Germany e.V. (NAAoG) um Interviews gebeten worden. Die NAAoG wurde 1994 gegründet, als mehrere aktive Native Americans, die hier stationiert waren, wieder in die USA zurück mussten. Es war den Gründern wichtig, dass es immer eine Anlaufstelle für Native Americans in Deutschland gibt und dass die Kontakte bestehen bleiben, bzw. neue geknüpft werden können. Ich war aber schon wesentlich früher aktiv beteiligt, denn die NAAoG hatte einen Vorläufer, die Native American Intertribal Society of Germany, die vorher American Indian Intertribal Society of Germany hieß. Um dem Anspruch von "Political Correctness" gerecht zu werden, wurde der Name geändert.

Unser Vorstand besteht aus Deutschen und Native Americans. Ich bin gemeinsam mit drei weiteren Vorstandsmitgliedern hier vor Ort in Deutschland. Die drei indianischen Vorstandsmitglieder und zwei Ausschussmitglieder befinden sich zur Zeit in den USA.

Wir haben schon immer versucht, stereotype Vorstellungen zu korrigieren und uns gegen Indianerkostüme ausgesprochen, die den Native American Nations in keinster Weise gerecht werden. Wir wissen, dass ein großer Teil der Native Americans diese Kostüme als verletzend empfindet und genau das habe ich während der Interviews gesagt. Es ist schockierend, was dann geschah. Die vielen wütenden, diffamierenden und sarkastischen Kommentare haben deutlich gezeigt, dass wir von einer wahren Völkerverständigung auf der Basis des gegenseitigen Respekts noch meilenweit entfernt sind. Wie kann man verbissen an etwas festhalten, das die Gefühle anderer Menschen verletzt? - Zumal, wenn es dabei um die Nachfahren derer geht, die einen Völkermord durchlitten haben.

Während des Shitstorms, der anschließend über mich hereinbrach, wurde von etlichen Lesern der Zeitungsartikel mit Hilfe der Kommentarfunktion versucht, meine Glaubwürdigkeit und meine Kompetenz in Frage zu stellen. Das ist ein altbewährtes Mittel, um seine eigene Meinung gegen den Widerstand anderer durchzusetzen. "Diskussionen", die auf diesem Niveau geführt werden, dienen nicht der Klärung, sondern nur der Bestätigung der eigenen festgefahrenen Meinung. Es geht darum, sich über andere zu erheben und nicht darum, Missverständnisse aufzuklären, den anderen zu vestehen oder evtl. sogar einen Konsens zu finden.


Einige Dinge, die mir unterstellt wurden, möchte ich an dieser Stelle klarstellen:


Es wurde behauptet, ich würde selbst ein Indianerkostüm tragen.

Auf vielen Fotos bin ich in meinem Ribbon Shirt (ein Hemd oder eine Bluse mit Satin-Bändern) zu sehen, das mir eine Native American zu der Zeit, als ich noch unsere Powwows (indianischen Tanzfeste) moderiert habe, geschenkt hat. Ich erhielt im Laufe der Jahre auch mehrere Shawls. Das sind breite Schultertücher mit langen Fransen, die sich die Frauen in der Regel über die Schultern legen, bevor sie die Tanzfläche betreten.  Diese Gegenstände haben mit einem Indianerkostüm nichts gemeinsam. Sie haben für mich eine ganz besondere Bedeutung und deshalb habe ich diese Fotos jetzt von meinen Internetseiten genommen.


Ich wurde dafür kritisiert, dass ich den Begriff "Indianer" auf meinen Internetseiten verwende.


Selbstverständlich weiß ich, welche Begriffe politisch korrekt sind und welche nicht. Das Problem ist, dass sowohl meine, als auch die Seiten der NAAoG nicht von allen gefunden werden, wenn dort nur die Bezeichnung Native Americans verwendet wird, denn nach wie vor geben die meisten Deutschen, die auf der Suche nach Informationen sind, die Wörter "Indianer", "Indianer in Deutschland", "Indianerprojekte", "indianische Künstler" etc. ein. Mal ganz abgesehen davon, dass sich meine indianischen Freunde und Bekannten untereinander ebenfalls als "Indians" bezeichnen. Und ja, ich weiß, dass es einen Unterschied ausmacht, ob ich als Deutsche dies tue oder Native Americans es selbst tun.


Es wurde als anmaßend empfunden, dass ich als Deutsche für "alle Native Americans spreche".


Es gibt über 500 Native American Nations und ja, es wäre anmaßend zu behaupten, ich könnte für all diese Nationen sprechen. Der Punkt ist, dass ich dies nie behauptet habe. Ich habe als 1. Vorsitzende der NAAoG konsequent das in der Öffentlichkeit kundgetan, was unsere Organisation schon jahrzehntelang versucht zu erklären: "Viele Native Americans empfinden diese Kostüme nicht als harmlos, sondern als verletzend."


Mir wird kulturelle Aneignung und eine Stereotypisierung der Native Americans vorgeworfen, weil ich ein Kinder-Tipi-Camp anbiete und weil ich Gegenstände besitze, die nicht aus meinem eigenen Kulturkreis stammen.


Die Kinder-Tipis wurden von Kindern hier in Deutschland gemeinsam mit einem Native American aus den USA bemalt. Dieser arbeitet im Bereich "Indian Education". (Es heisst dort übrigens nach wie vor "Indian Education" und nicht "Native American Education".) Tipis gehören zu seiner Kultur, genauso wie Lederkleidung und Federschmuck.

Es handelt sich um stereotype Vorstellungen, wenn Native Americans so dargestellt werden, als würden sie alle in Tipis leben und Lederkleidung mit Fransen tragen. Wenn ich den Kindern die Möglichkeit biete, in einem Tipi-Dorf zu spielen, dann heisst dies noch lange nicht, dass ich ein Stereotyp bediene. Ich nutze dieses kleine Dorf dazu, weitere Informationen zu vermitteln. Ich erzähle den Kindern, dass längst nicht alle indianischen Völker Tipis verwendet haben, bzw. verwenden. Ich hole die Kinder dort ab, wo sie gerade stehen.

Die Kleidungsstücke und Gegenstände, die ich verwende, sind ebenfalls keine Indianerkostüme. Zum Teil handelt es sich dabei um Geschenke, die ich von indianischen Freunden und Bekannten bekommen habe. Die Kleidung ist aus Leder und aus Handelsstoff und ich verwende deshalb dabei keine Originale, weil die Kinder sie dann nicht anfassen dürften. Jeder, der mal ein perlenbesticktes Hirschlederkleid gesehen hat, wird sofort verstehen, warum ich ein solches nicht für diesen Zweck verwenden kann. Es ist mir wichtig, den Kindern die Erfahrung zu vermitteln, wie sich ein Hirschlederkleid anfühlt und wie schwer es ist und was die Männer und Jungen auch heute noch bei kulturellen Anlässen tragen und wie z.B. ein Lendenschurz umgebunden wird. Sie erfahren darüber hinaus, dass indianische Kinder in die Schule und den Kindergarten gehen und dass sie dabei ähnliche Kleidung tragen, wie die Kinder hier in Deutschland. Die Kleidung und die Gegenstände dienen zur Veranschaulichung dessen, was ich erzähle. Bei meinen Erklärungen, Geschichten und Anekdoten beschränke ich mich zum größten Teil auf das, was ich direkt von Native Americans erfahren habe.

Kulturelle Aneignung ist etwas anderes und ich werde in Zukunft noch mehr zu diesem Thema schreiben, zumal inzwischen viele Europäer verunsichert sind und sich sogar die Frage stellen, ob das Tragen von Mokassins bereits ein Fall von kultureller Aneignung ist. Nein, das ist es nicht, es sei denn, diese hätten ein Muster, dass einer Person oder einer Familie gehört oder eine spirituelle Bedeutung hat und dann von jemandem getragen wird, der nicht dazu berechtigt ist, jemandem, der sich dieses Muster einfach so angeeignet hat.


Wollen wir Kindern verbieten, "Indianer" zu spielen oder sich zu verkleiden?


Nein. Das wäre auch überhaupt nicht sinnvoll. Es ging uns immer um Aufklärungsarbeit, um die Weitergabe von Informationen.

Es kommt relativ oft vor, dass Kinder in Indianerkostümen zu unseren Veranstaltungen kommen. Weder ich noch die Native Americans sagen dann diesen Kindern, dass sie dies nicht dürfen. Sie sind so stolz auf ihre "Indianerkleidung". Wir würden sie niemals bloßstellen oder ihnen verbieten wollen, sich als das zu verkleiden, was für sie typisch indianisch ist. Wir holen sie dort ab, wo sie stehen.

In all den vielen Jahren gab es nur eine Ausnahme. Die NAAoG hatte ein Powwow organisiert und ein kleiner Junge erschien nur mit einem Lendenschurz bekleidet und mit einer Waffe (ich glaube, es war ein Speer) in der Hand und unser Arena Director (so eine Art Platzwart beim Powwow) machte uns darauf aufmerksam. Es gibt eine Powwow-Etikette. Ich erklärte dem Jungen, warum er so nicht mit auf die Tanzfläche gehen kann, um bei den Social Dances und Intertribals mitzutanzen. Das tut mir heute noch leid. Wir hätten eine andere Lösung finden sollen. Um solche Situationen zu vermeiden, stand auf den meisten Powwow-Plakaten und Flyern: "Wir bitten darum, von Kostümierungen abzusehen." Der junge Besucher trug noch nicht einmal ein Faschingskostüm. Das Problem war eher, dass er für diesen Anlass viel zu wenig an hatte. Im Nachhinein denke ich, wir hätten trotzdem darüber hinwegsehen sollen, aber solche Entscheidungen kann ich nicht alleine treffen.

Dies ist eine weitere Schwierigkeit, mit der ich oft konfrontiert werde: Das weitverbreitete Unverständnis darüber, dass es erforderlich ist, die eigenen Wünsche und Überzeugungen zurückzustellen, wenn man in eine andere Kultur eintauchen möchte. Es ist auf Dauer nicht machbar, seinen eigenen Egotrip in einer anderen kulturellen Gemeinschaft durchsetzen zu wollen.



Fortsetzung folgt.

Carmen Kwasny

 

 

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